50+1 und die Werkself des VW-Konzerns

30. Mai 2026

Wolfsburgs Abstieg fühlt sich für viele wie ein Sieg der Gerechtigkeit an. Aber wer glaubt, damit sei für 50+1 viel gewonnen, macht es sich etwas zu leicht. Denn das eigentliche Problem ist nicht nur, wem ein Club gehört, sondern wer ihn de-facto kontrolliert — und ob man den Fans realen Zugang zu Mitbestimmung gewährt.

Genau deshalb ist die Häme so aufschlussreich: Sie richtet sich nicht nur gegen einen sportlich gescheiterten Verein, sondern gegen das, wofür Wolfsburg im deutschen Fußball steht: Kommerz und das Gegenteil von sportlich verdientem Erfolg. Deshalb sei Wolfsburg in den Augen vieler zu Recht abgestiegen [1, 2, 3, 4]. Besonders eindrücklich lässt sich diese Missgunst aber in Kommentaren unter Instagram-Beiträgen erleben [5]:

FUSSBALL HAT GEWONNEN
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Junge was ein geiler Saisonabschluss, Wolfsburg endlich runter
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Nie mehr 1. Liga, nie mehr, nie meeeehr! Auf nimmer wiedersehen Wolfsburg.
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VW will sein Tochterunternehmen [7] jetzt mit Abermillionen aus der „Krise“ ziehen [6]. Und ein konsequentes Durchsetzen von 50+1 könnte daran einfach überhaupt nichts ändern. Ein Problem mit 50+1 ist eben, dass es keine unternehmerischen Geldflüsse hinein in die Welt der Vereine untersagt. Und damit nicht genug. 50+1 schafft es nicht einmal zu verhindern, dass Investoren mitbestimmungsfeindliche Strukturen etablieren und einen Verein somit de-facto übernehmen. Dass dem auch wirklich so ist, lässt sich erstaunlich anschaulich am Beispiel von RB „Red Bull“ Leipzig in Erfahrung bringen [8]:

Es gibt nur neun stimmberechtigte Mitglieder, im Vorstand sitzen nur Red Bull Mitarbeiter, keiner der Herren lebt in Leipzig.

Dieser Bericht ist zwar von 2012 und heute mehr als zwölf Jahre alt — trotzdem hat sich bei Red Bull Leipzig wenig getan. Erst im vergangenen Jahr kritisierte das Bundeskartellamt die immer noch in sehr ähnlicher Form vorhandenen Vereinsstrukturen [9].

Wirklich verbessert hat sich das nur quantitativ, nicht etwa strukturell. Red Bull Leipzig hatte zuletzt nicht mehr nur neun, sondern laut Bericht zur Mitgliederversammlung 2026 knapp 1.200 Mitglieder, nur 22 davon mit Stimmberechtigung [10]. Die Namen dieser 22 werden scheinbar absichtlich nicht bekanntgegeben.

Noch verhängnisvoller ist allerdings die Auswahl der Mitglieder, die eine Stimmberechtigung erhalten sollen [11]:

Es ist bei Rasenballsport von Beginn an Vereinsphilosophie, dass nur ausgewählte, für den Klub oder den Red-Bull-Konzern tätige und nützliche Personen abstimmungsberechtigte Mitglieder werden können.

Problematisch ist hier nicht etwa, dass Red Bull derart vorgeht, sondern vielmehr dass die DFL über Jahre zugelassen hat, dass 50+1 formal erfüllt, aber seinem demokratischen Sinn nach ausgehöhlt wird. Dabei scheint das Interesse der Fans dasjenige zu sein, das der DFL am Wenigsten am Herzen liegt.

50+1 regelt also lediglich die formale Stimmrechtskontrolle, nicht aber die de-facto Kontrolle eines Clubs. Ja, Besitzverhältnisse bei in solcher Stärke kulturell bedeutenden Entitäten gehören reguliert und überwacht. Dass die Fairness in der Kaderbildung von derartigen Regulierungen aber eigentlich kaum bis gar nicht beeinflusst wird, hört man recht selten. Stattdessen wird fast ausschließlich und bis zum Umfallen über 50+1 diskutiert, ohne dass sich Gedanken darüber gemacht werden, ob damit überhaupt das wirklich zugrundeliegende Problem behandelt wird.

Geld schießt keine Tore. Aber Geld kauft fast alles, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass irgendwann jemand Tore schießt: Kaderbreite, Scouting, Trainerstäbe, Akademien, Datenabteilungen, Geduld und Fehlerkorrektur. Genau deshalb reicht es nicht, nur Besitzverhältnisse zu diskutieren. Die Frage ist, wer im Fußball Macht hat — und ob für die Clubs und die DFL ihre Fans mehr sind als nur die zahlende Kulisse.

Quellen

1Ein Abstieg, der der Bundesliga gut tut
Julian Münz
27.05.2026, 14:32
2Geld schießt auch mal Eigentore
Peter Ahrens
26.05.2026, 12:41
3Abstieg des VfL Wolfsburg: Die Illusion von Gerechtigkeit aufrecht erhalten
Gunnar Hinck
26.05.2026, 17:42
4Erster Abstieg des VfL Wolfsburg: Auch die VW-Millionen können das Totalversagen im Management nicht kaschieren
Benedikt Paetzholdt
26.05.2026, 11:01
5EILMELDUNG: Paderborn feiert Aufstieg, Wolfsburg steigt erstmals aus der Bundesliga ab
kicker via Instagram
25.05.2026
6Bundesliga: Wie es beim VfL Wolfsburg nach dem Abstieg weitergeht - mit weiteren Millionen?
Ulrich Hartmann, Thomas Hürner
26.05.2026, 14:19
7VfL Wolfsburg-Fußball GmbH, Wolfsburg
8RB Leipzig: Gegen den Geist der 50+1-Regel
Christoph Biermann
06.04.2012, 12:14
9Bundeskartellamt sieht Nachbesserungsbedarf bei 50+1
16.06.2025
10Mitgliederversammlung: Oliver Mintzlaff bei RB Leipzig als Aufsichtsratschef wiedergewählt
09.03.2026, 10:34
11Elfte Mitgliederversammlung: So viele Mitglieder hat RB Leipzig aktuell
Ullrich Kroemer
13.03.2024, 13:58
1250+1: Leverkusen und Wolfsburg behalten sich "rechtliche Möglichkeiten vor"
Michael Ebert
17.06.2025, 15:55